Verwegene Digital-Ideen und der eigene Bias.

Kürzlich war ich bei einem KMU der Baunebenbranche. Natürlich ist auch dort die Digitalisierung ein grosses Thema.

Konkret ging es darum, eine interne Phasen-Checkliste für Projekte optisch zu verschönern und auch die Checkpoints des Kunden zu integrieren, so dass man den Status des Projekts mit ihm abgleichen kann. Die Projekt-Phasen und Sub-Phasen sollten auf- und zuklappbar sein. Format Excel oder PDF. Digital eben – vermeintlich.

Wer solche Situationen kennt, weiss, dass es praktisch unmöglich ist, mit mehreren Bearbeitern einen konsistenten und korrekten Informationsstand zu erreichen. Noch dazu, wenn die Dateien per E-Mail hin- und hergeschickt werden. Aber das nur nebenbei.

Ich skizzierte als Alternative kurz eine Online-Checkliste auf ihrer Website mit einfacher Datenbank und Kundenlogin. Aufwand und Kosten minimal, Nutzen enorm. Aber vorallem ein erster wichtiger Schritt in ein neues Verständnis von Digitalisierung.

  • Der Kunde wird viel enger in das Projekt einbezogen, er weiss immer genau, wo das Projekt steht und was er als nächstes tun muss (Kundenzentrierung)
  • Der Projektleiter verschwendet keine Zeit für die interne und externe Kommunikation und Koordination von Statusinformationen (Prozessoptimierung)
  • Der Fortschritt aller Projekte steht per Knopfdruck für die Produktion und die Geschäftsleitung zur Verfügung (Daten & Analytics)

Als Kür schlug ich vor, dieses „Feature“ als MVP für die seit langer Zeit im Ideenstadium befindliche Firmen-App in Betracht zu ziehen. Schliesslich hat man sein Smartphone auch auf der Baustelle.

Innerhalb von 10 Minuten hatte sich für meinen Ansprechpartner eine neue Welt aufgetan. Aber auch mir wurde einiges klar. Dazu später mehr.

Am nächsten Tag erhielt ich eine Rückmeldung zu dem Vorschlag, den mein Ansprechpartner noch weiter ausgearbeitet und mit einem Budget versehen hatte.

Der Geschäftsführer des Unternehmens fand den Vorschlag verwegen (wörtliches Zitat!) aber sehr interessant. Man solle sich an die konkrete Planung machen.

Natürlich war mein Ansprechpartner total happy, inspiriert und motiviert, das Thema anzupacken.

Ich schreibe diesen Artikel nicht, weil ich denke, dass ich die besseren Ideen hätte oder mich irgendwie wertend über das Verständnis der Digitalisierung bei diesem KMU äussern will.

Sondern weil mir dieses Erlebnis wieder einmal meinen eigenen Bias, meine „déformation professionelle“ klar und deutlich vor Augen geführt hat. Ich beschäftige mich und schreibe oft über neuste Entwicklungen und „neumodische“ Technologien wie Künstliche Intelligenz. Das gehört ja auch zu meinem Erfahrungshintergrund.

Dinge, die für mich einfach und logisch erscheinen, bedeuten für andere neuartige, ja vielleicht sogar „verwegene“ Überlegungen. Die Digitalisierung startet aber genau mit solchen ersten Schritten, in der Grauzone zwischen Excel-Versand und dem grandiosen Powerpoint-Masterplan.

Sie leuchten ein, inspirieren und machen Appetit auf mehr. Sie verändern und erweitern den Blick auf die Dinge. Sie sind der eigentliche Treiber einer Transformation.

Ich habe mich sehr gefreut, dass ich hier mit einem kleinen Impuls einen Prozess in Gang setzen konnte, der hoffentlich auch eine Eigendynamik für den digitalen Erfolg des Unternehmens entwickelt.

Und ich habe mich an eine Geschäftsidee erinnert, die seit einiger Zeit bei mir in der Schublade liegt. Dank dieser Episode habe ich sie wieder hervorgeholt.

So geht Digitalisierung. Was meinen Sie?

Schreiben Sie einen Kommentar