Datengetriebene Innovation: Der blinde Fleck zwischen Pflicht und Hype

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Ich habe nicht viel Ahnung von Eiskunstlauf, aber ich weiss, was die die Biellmann Pirouette ist. Aber was hat das mit datengetriebener Innovation zu tun?

Im Jahr 2001 hatten wir eine Zusammenarbeit mit der Renault Leasinggesellschaft gestartet. Was unter dem Projektnamen „Formulaire Internet“ begann, wandelte sich über die Jahre in eine komplette Online-Leasing-Plattform für Händler mit durchgängigen digitalen Prozessen bis ins Backoffice und sogar teilautomatisierten Genehmigungen.

Ziel war, die Kundenbindung durch Einfachheit und Schnelligkeit zu steigern und neue Märkte zu erschliessen (Finanzierung von Drittmarken). Die Kostenreduktion durch Effizienz war ein willkommener Nebeneffekt. Aufgrund des Erfolgs wurde die Plattform auch in Österreich ausgerollt, bis sie dann 2006 durch eine zentrale Lösung aus Paris zwangsweise abgelöst wurde (ein Rückschritt, wie ich hörte).

Wenn ich heute, 12 Jahre danach, höre wie ähnlich gelagerte Projekte als innovativ bezeichnet werden, bin ich schon ein bisschen enttäuscht. Klar, damals waren Smartphones noch unbedeutend und heute würde man wohl eine App realisieren. Aber das ist es dann auch schon. Für mich ist das heute im Grunde nichts anderes als Pflichtprogramm. Pures Handwerk, wenn auch sicher nicht trivial. Digitale Abbildung von bestehenden Prozessen. Umsatz- und Margensteigerung mit relativ geringem Risiko. Jedes Unternehmen kann das – gegebenenfalls mit kompetenten Partnern – sofort angehen und umsetzen.

Auf der anderen Seite des Spektrums höre ich viel von Technologien in der Hype-Phase und Unternehmen, die sich damit beschäftigen. Blockchain, Deep Learning und viele weitere. Mehr als Public Relations oder Innovationstheater steckt oft nicht dahinter. Und auch das ist dann nicht besonders innovativ. Imagesteigerung mit relativ geringem Risiko. Jedes Unternehmen kann das – gegebenenfalls mit kompetenten Partnern – sofort umsetzen. Das erinnert mich an Politiker, die gerne von 2025 oder 2030 sprechen. Das ist weit genug weg, damit man noch nichts tun muss, aber nahe genug, dass man nicht als Fantast verlacht wird.

Dazwischen liegt die Kür: Datenzentrierte Produkte und Geschäftsmodelle

Man kann lange über die Wichtigkeit von Daten diskutieren. Tatsache ist einfach, dass sämtliche heutigen disruptiven Produkte und Geschäftsmodelle ohne Ausnahme auf Daten als strategische Ressource aufbauen. Aber damit nicht immer dieselben Namen erwähnt werden, möchte ich Dr.-Ing. Jochen Schlick, Leiter Zukunftsfeld Cyberphysische Systeme bei der WITTENSTEIN AG, zitieren:

„Auf der einen Seite haben wir die Smart Factory, die Steigerung der Produktionsexzellenz. Auf der anderen Seite haben wir aber das smarte Produkt und die datengetriebene Dienstleistung. Während wir technologisch im Bereich smarte Produkte sehr gut aufgestellt sind, müssen wir uns systematisch im Bereich datengetriebene Dienstleistungen weiterentwickeln. Und genau hier drin sehe ich auch gigantische Umsatzpotenziale für die Zukunft.“

Wer also hier ganz vorne mitspielen will, muss zwingend bei der Kür brillieren. Aber ich habe den subjektiven Eindruck, dass wir es mit einem blinden Fleck und sehr wenig Lust an Veränderung und Aktivität zu tun haben. Der Grund liegt wohl darin, dass es hier komplett anders läuft als bei Pflicht und Hype und Denise Biellmann würde das wohl bestätigen:

Echte Innovation, harte Arbeit und grosse Risiken

Zunächst braucht es einen Business Case (neues Produkt oder Geschäftsmodell), von dem man zu Beginn nicht weiss, ob er am Markt funktioniert. Dann braucht es Daten, die anfangs meist gar nicht zur Verfügung stehen, schlechte Qualität haben oder in unzugänglichen Silos lagern. Es braucht neue Technologien (wie Machine Learning) und dazugehörende neue Kompetenzen. Zusammengefasst:

Man weiss nicht nur nicht, ob der Business Case funktioniert, sondern auch nicht, ob man ihn tatsächlich realisieren kann

Es ist im Grunde wie bei Start-up’s: Trial und Error – Fehler machen und daraus lernen. Die Anfangsfrage lautet auch nicht mehr „können wir das Problem lösen“, sondern „sollen wir das Problem lösen“. Dass das nur mit passender Unternehmenskultur und Vorgehen funktionieren kann, ist naheliegend.

Eine Erfolgsgarantie gibt es auch hier leider nicht. Wer jetzt aber den Mut hat, die Arbeit und das Risiko auf sich zu nehmen, wird mit grosser Wahrscheinlichkeit mit seinen neu erworbenen Kompetenzen und Fähigkeiten und daraus realisierten datenbasierten Produkten und Geschäftsmodellen innerhalb seiner Branche einen Wettbewerbsvorsprung erzielen, der sich auch mit viel Geld kaum noch einholen lässt.

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