VUCA ist überall – oder warum jedes Unternehmen zum Software-Unternehmen werden muss

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Ich leitete letztes Jahr ein Big Data Projekt, das den Namen wirklich verdient. Im Endausbau stehen da gut und gerne zwei Dutzend Racks mit Hardware und hunderten Terabytes an Daten.

Aber was hat das mit VUCA zu tun?

VUCA und die Digitalisierung

“Wir leben in einer VUCA-Welt” hört und liest man in letzter Zeit oft im Zusammenhang mit der Digitalisierung. Der Begriff ist aber keinesfalls neu. Er stammt aus dem militärischen Bereich und dient der Beschreibung von komplexen und „unlogischen“ Situationen.

  • V (Volatilität) –  Herausforderungen kommen unerwartet und sind nicht stabil
  • U (Unsicherheit) – Es gibt wenig Vorhersehbarkeit, aber viele Überraschungen
  • C (Komplexität) – Triviale „Kochrezepte“ funktionieren nicht, das Problem ist nicht vereinfachbar oder standardisierbar
  • A (Mehrdeutigkeit) – Es ist meist schwer, Ursache und Wirkung zu finden, was zu mehrdeutigen Erkenntnissen führt. Die Fakten sind da, aber was bedeuten sie?

Meist wird der Begriff VUCA für die grösseren Zusammenhänge und langfristigen Trends benutzt, also den Markt- und Rahmenbedingungen für Unternehmen: Veränderung der Kundenbedürfnisse, disruptive Innovationen und Geschäftsmodelle der Mitbewerber oder die Beschleunigung der allgemeinen Technologie-Entwicklung.

Das grosse Missverständnis

Gehen wir für einmal davon aus, dass VUCA ausserhalb des Unternehmens nicht existiert. Die Kundenbedürfnisse sind bekannt, man weiss, dass das Geschäftsmodell funktionieren wird und kennt die Schritte der Mitbewerber. So oder ähnlich war es wohl für viele Unternehmen vor der Digitalisierung.

Man braucht also nur noch das Produkt oder den Service digital zu bauen. Tönt relativ einfach. Ein Team von guten Engineers kriegt das mit den richtigen Komponenten hin – zeitlich und kostenmässig gut abschätzbar. So oder ähnlich wie vor der Digitalisierung.

Ich komme zurück auf mein einleitendes Beispiel. Wenn ich jetzt nur mal Big Data betrachte, sehe ich einen unglaublichen Zoo von Produkten und Tools, jedes komplexer als das andere. Und fast täglich kommt ein neues Tier dazu, das dann irgendwie gleich aber trotzdem besser oder anders sein will. Man weiss also nicht, ob man nun auf das richtige oder falsche Pferd setzt, wie gut es im laufenden Betrieb rennen wird, ob es mit dem Pferd nebenan gut zurecht kommt oder ob es dieses in einem Jahr noch gibt. Der Markt und das Angebot entwickelt und verändert sich rasend schnell, und das seit langem.

Dabei spreche ich nur von Technologie. Die Herausforderungen bei den Daten sind nochmal eine Grössenordnung höher.

Selbst mit meinen 20 Jahren Erfahrung fällt es mir oft schwer, den Überblick zu behalten. Natürlich habe ich unter anderem ein Team von hervorragenden Engineers. Aber ohne ein grundlegendes Verständnis ist es aus meiner Sicht unmöglich, die richtigen Fragen zu Potentialen, Chancen und Risiken zu stellen, um die Einschätzungen und Entscheidungen zu treffen welche das Projekt zum Erfolg führen. Ganz zu schweigen von vernünftigen Abschätzungen zu Kosten, Qualität und Zeit.

Wenig hilfreich sind dabei Sales-Pitches, mit welchen Beratungshäuser und Softwarehersteller um Aufmerksamkeit und Marktanteile kämpfen. Meist wird eine Einfachheit suggeriert, die in der Realität nicht mal ansatzweise existiert. Auf die hohen Erwartungen folgen dann sehr schnell eine herbe Enttäuschung und ein Loch im Budget.

Selbst in diesem enorm vereinfachten Umfeld steckt also noch viel VUCA.

Je VUCA desto Hype

Die Thematik nimmt teilweise absurde Züge an und ich stelle zunehmend eine umgekehrte Proportionalität zwischen allgemeinem Technologie Know-how und Hype fest. Anders gesagt: Je weniger man allgemein über eine Technologie weiss, desto besser funktionieren die schönen Geschichten. Big Data ist da keine Ausnahme, aber es geht noch weiter. Hier eine Zusammenfassung eines Pitches im Final eines Blockchain Wettbewerbs:

„Wir bauen eine Ernteausfallversicherung für afrikanische Bauern. Wir haben ein Whitepaper geschrieben und einen Smart Contract auf der Ethereum Blockchain. Dieser Markt ist für die grossen Versicherer zu klein. Aber dank den niedrigen Transaktionskosten und der Elimination der Intermediäre können wir die Versicherung basierend auf Blockchain Technologie sehr günstig anbieten.“

Wer nur ansatzweise eine Ahnung von Technologie hat, sieht sofort, dass Blockchain in dem Modell vielleicht 5% der Lösung ausmacht und auch dabei noch Fragezeichen bestehen: Den Smart Contract, der mit minimalsten Kosten 100% automatisiert, gesichert und irreversibel feststellt, dass ein afrikanischer Bauer tatsächlich den Ernteausfall erlitten hat, möchte ich gerne mal sehen. Dass das Start-up gemäss eigener Aussage noch keinen Kundenkontakt hatte, überrascht nicht weiter.

Das nennt man nicht VUCA, sondern Märchenstunde – oder eben Hype.

Der notwendige Wandel zum Software-Unternehmen

Natürlich existieren viele Ideen und Rezepte, wie man diese Herausforderung bewältigen kann. Agilität, Lean Innovation, Design Thinking, DevOps sind nur einige der Beispiele.

Aber diese sind nur die Spitze des Eisbergs. Wer in der digitalen Ökonomie erfolgreich sein will, muss einen fundamentalen Wandel vollziehen. Jedes Unternehmen muss dabei – auch – zum Software Unternehmen werden. „Digital“ muss zum Rüstzeug jedes Managers dazu gehören, selbst wenn er mit der technologischen Implementation nicht direkt zu tun hat. Denn nur mit dem notwendigen Know-how und der entsprechenden Kultur ist es möglich, komplexere (z.B. mittels Big Data, AI, IoT, Blockchain) digitale Produkte und Services erfolgreich zu entwickeln. Egal ob man das nun intern oder extern tut.

Besonders schwierig wird das für Unternehmen, in welchen die Informationstechnologie bisher ausschliesslich als Support-Funktion und Kostenfaktor gesehen und abdelegiert wurde. Dieser noch sehr oft existierende Graben zwischen Business und IT muss zwingend geschlossen werden. Die Mehrheit des Top Management und des Verwaltungsrats müssen zumindest ein grundlegendes Verständnis von Software und Technologie und deren ökonomischen Opportunitäten besitzen, um den Wandel zu treiben. „Digital“ kann man nicht mehr einfach delegieren oder outsourcen.

Aber auch die IT/Digital-Spezialisten, Entwickler und Wissenschaftler müssen ihre technologische Komfortzone oder den geschützten Elfenbeinturm verlassen. Sie müssen sich viel stärker für das Geschäft und die Kunden interessieren und lernen, Ideen, Projekte und Herausforderungen verständlich zu kommunizieren, ja zu „verkaufen“. Das wird auch ihnen helfen, das Verständnis und die notwendige Unterstützung zu erhalten, und so den Wandel zum Software-Unternehmen zu unterstützen.

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